Umgang mit Extremereignissen

Wir saßen in gemütlicher Runde zusammen, Kollegen mit ihren Frauen. Und wie so oft war der Dienst Thema des Abends. Klaus arbeitet seit 10 Jahren bei den Todesermittlern. Als das Gespräch darauf kommt, wird er gefragt, ob ihn das nicht zu sehr belaste. „Das macht mir doch nichts aus. Männer müssen das ab können. Ich habe mich dabei nicht verändert.” Er hört nicht mehr, wie seine Frau neben ihm leise sagt: „Das glaubst auch nur Du!” (Rohmer, L./ Rohmer, B.: „typisch Schutzmann...!“. In: ChriPo. Zeitschrift der Christlichen Polizeivereinigung e.V.. Nr. 1/1996, S. 8.)

Einsatzfahrzeuge

Am 3.6.98 entgleiste der ICE "Wilhelm Conrad Röntgen" bei Eschede/Niedersachsen. 101 Menschen fanden den Tod. Ein Celler Polizist war bei der Tatortarbeit eingesetzt. Eine Zeitung schrieb damals: „Durch das Objektiv seiner Kamera richtete der Polizist den Blick auf die grauenhaften Details. Die Bilder wird er nicht mehr los”.

Beim Beruf der Polizeibeamtin bzw. des Polizeibeamten handelt es sich um eine Tätigkeit, die besondere Anforderungen an die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit sowie an die seelische Belastbarkeit stellt (siehe Regelungen in der Polizeidienstvorschrift zur Polizeidiensttauglichkeit und der Polizeidienstfähigkeit).

Polizisten müssen immer wieder mit schlimmen Eindrücken fertig werden. Manche Erlebnisse gehen so unter die Haut, dass sie zu ernsthaften seelischen Schäden führen können, wenn die Betroffenen sich nicht damit auseinandersetzen. Hierzu zählen z.B. das Mitansehenmüssen, wie eine Person ernsthaft verletzt wurde, der Anblick von verstümmelten Leichen, der Tod von Kindern oder Kollegen, schweres eigenes Versagen, die Bedrohung des eigenen Lebens oder eine Zwangsmittelanwendung mit Todesfolge.

„Kein Lehrbuchautor und keine Polizeidienstkunde haben vorausgedacht, was uns begegnet ist.”, schreibt ROHMER in dem o.a. Artikel und fragt: „Was geschieht mit dem Schmerz, der Wut und Empörung, unserem Mitleid, der Trauer und Verzweiflung?”. Trotz aller Professionalität, die erfahrene Polizeibeamte ohne Frage erworben haben, fällt es vielen schwer, nach erlebten Extremsituationen wieder zur Tagesordnung überzugehen. Die Zahl der psychosomatischen Reaktionen und der damit teilweise verbundenen dienstlichen Probleme mehren sich.

Wenn der Vorgesetzte seinem Mitarbeiter effektiv und optimal helfen will, erlebte Extremereignisse zu bewältigen, setzt das voraus, dass er sich mit der Problematik der posttraumatischen Belastungsreaktion auskennt und dass er genug Hintergrundinformationen besitzt, um seinem Mitarbeiter Wege und Hilfsmöglichkeiten aufzuzeigen. Er kann seiner Führungsaufgabe nur gerecht werden, wenn er sich umfassend und intensiv mit dieser Problematik beschäftigt hat. Darum möchte ich kurz auf das Krankheitsbild der Posttraumatischen Belastungsstörung eingehen, um anschließend Hilfsmöglichkeiten aufzuzeigen. Denn Schadensereignisse wird es immer wieder geben, weil es die Technik und den unvollkommenen Menschen gibt!

Was ist ein Trauma?

Vernehmung

Trauma (gr.: Verletzung, Wunde): Trauma ist ein Erlebnis, auf das der Mensch nicht in adäquater Weise reagieren und das er nicht verarbeiten kann. Deshalb verdrängt er es aus seinem Bewusstsein. Vom Unbewussten her entfaltet das traumatische Erlebnis ständig eine Wirkung auf das bewusste Leben, so als würde der Betreffende ständig mit dem Ereignis konfrontiert. Darauf zu reagieren wird seine dauerhaft ungelöste Aufgabe.

Extreme Erlebnisse vermitteln bei den betroffenen Menschen Grenzerfahrungen, die tief in das psycho-physische Gefüge eingreifen können. Sie lösen normalerweise (!) akute Stressreaktionen mit körperlichen und psychischen Störungen aus. Aus diesen kurzzeitigen Störungen des biologischen Gleichgewichtes können, sofern sie nicht aufgearbeitet werden, unter Umständen psychosomatische Erkrankungen erwachsen.

Traumatische Erlebnisse im Berufsalltag der Polizei sind nicht selten. In der Literatur werden vielfältige spezielle Stressoren, das heißt traumatisierende Erlebnisse, genannt, mit denen Polizeibeamte im Dienst überdurchschnittlich häufig konfrontiert werden können und auf die sie häufig mit Anzeichen einer Stressbelastung reagieren.

Beispielhaft sei hier genannt:

  • Verkehrs- und Unglücksfälle
  • Vernehmung von Kriminalopfern
  • dauerhafter Umgang mit Toten, Schwerstverletzten und Opfern sexueller Gewalt
  • gewalttätiger Angriff auf die eigene, eine andere Person oder einen Kollegen
  • Schusswaffengebrauch
  • Hilflos mit ansehen müssen, wie Menschen im Einsatz sterben
  • Extremleichen
  • Kinderleichen
  • gewisse Gerüche
  • tragische Umstände
  • Erlebnisse bei Terroranschlägen und Katastropheneinsätzen

Mögliche Folgen der erlebten Extremsituation

Das erlebte Extremereignis muss nicht zu einem Trauma führen. Mögliche Folgen der erlebten Extremsituation können aber die Akute Belastungsreaktion, die nach Schusswaffengebrauch auch "Post-Shooting-Trauma" genannt wird, und anschließend die Posttraumatische Belastungsreaktion, auch Posttraumatisches Stress- Syndrom genannt, sein. Als Kurzbezeichnung dafür hat sich die Abkürzung "PTSD“" eingebürgert, was für "Posttraumatic Stress Disorder" steht. Teilweise werden auch die Abkürzungen "PTBR" für "Posttraumatische Belastungsreaktion", "PTBS" für "Posttraumatische Belastungsstörung" oder "PTSS" für "Posttraumatische Stress-Störung" bzw. "Posttraumatisches Stress-Syndrom" verwand.

Akute Belastungsreaktion

Blaulicht

Die Akute Belastungsreaktion folgt in den ersten 4 Wochen nach dem Trauma. Die Zeitspanne von 4 Wochen wurde in international geltenden Richtlinien zur Diagnoseerstellung (z.B. das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders und die Internationale Klassifikation der Krankheiten der WHO) festgelegt, die als Folge des 2. Weltkrieges mit all seinen psychischen Belastungen entstanden sind. Die Akute Belastungsreaktion ist keine Krankheit, sondern eine völlig normale Reaktion auf eine Extremsituation. Für die Akute Belastungsreaktion ist hier beispielhaft zu nennen:

  • Immer wieder aufkommende, sich aufzwingende Erinnerungen (z.B. Flashbacks): Bilder, Vorstellungen, Geräusche, Gerüche u.ä..
  • (Alb-)Träume, Durchschlafstörungen.
  • Gefühl der Hilflosigkeit, Gleichgültigkeit.
  • Trance, Depersonalisation (neben sich stehen).
  • Psychogene Amnesie (der sogen. „Filmriss“).
  • Reizbarkeit, Nervosität, Konzentrationsschwierigkeiten, übertriebene Schreckhaftigkeit, motorische Unruhe usw.
  • Allgemeine Beeinträchtigung in sozialen, beruflichen oder anderen Bereichen (zum Beispielgegenüber Vorgesetzten, Kollegen, aber auch im Umgang mit der Schusswaffe).

Besonderheit: das "Post-Shooting-Trauma"

Eine besondere Extremlage stellt im Polizeidienst der Einsatz der Schusswaffe gegen Menschen dar. Es gibt Situationen, in denen sich für den Beamten nur zwei Reaktionsmöglichkeiten bieten: Entweder er schießt -mit allen rechtlichen und psychischen Konsequenzen- oder er schießt nicht, dann wird möglicherweise er selbst oder jemand anderes getötet. Ein Schusswaffengebrauch im Rahmen der Dienstausübung kann durch diese spezielle Belastungsreaktion, die das Töten oder Verletzen eines Menschen beinhaltet, ein Trauma auslösen, das allgemein als "Post-Shooting-Trauma" bezeichnet wird.

Blaulicht

Posttraumatische Belastungsreaktion

Der Akuten Belastungsreaktion kann die Posttraumatische Belastungsreaktion folgen. Sie unterscheidet sich in ihrer Symptomatik nicht grundsätzlich von der Akuten Belastungsstörung. Bei der Posttraumatischen Belastungsreaktion sind die Symptome intensiver und von längerer Dauer. Anzeichen dafür sind:

  • Die o.a. Symptome bleiben länger als einen Monat bestehen,
  • Verdrängungsversuche scheitern,
  • allgemeines „Zurückziehen“ aus dem Umfeld,
  • starke Beeinträchtigung in sozialen, beruflichen oder anderen Bereichen.

Die Postraumatische Belastungsreaktion stellt – im Gegensatz zur Akuten Belastungsreaktion – eine psychische Erkrankung dar. Der Betroffene schafft es nicht, die erlebte Extremsituation in angemessener Zeit zu verarbeiten. Eine Rückbildung der Akuten Belastungsreaktion hat nicht stattgefunden und das hat zur Posttraumatischen Belastungsreaktion geführt.

Abgrenzung zu anderen psychischen Störungen

Die genannten aufgeführten Belastungsstörungen müssen klar von Anpassungsstörungen (z.B. Mobbing im Dienst oder wenn eine Person vom Partner verlassen wird) unterschieden werden. Bei den posttraumatischen Belastungsreaktionen ist der Stressor extrem (z.B. lebensbedrohlich), während bei der Anpassungsstörung der Stressor nicht so extrem ist.

Wo finde ich Hilfe?

Zu einem professionellen Umgang mit Belastungssituationen stehen Polizeibeamtinnen und –beamten verschiedene Möglichkeiten offen. Die Christliche Polizeivereinigung bietet beispielsweise zum Umgang mit den dienstlichen Belastungen und deren Folgen Seminare an. Weiterhin sei hier die Polizeiseelsorge genannt:

Bereits im Jahre 1921 wurde in Deutschland auf Initiative der Polizeibediensteten Münchens der erste Polizeiseelsorger in sein Amt eingeführt mit dem Auftrag, die ihm zugeteilten Polizeibeamten geistlich zu unterstützen. In der Regel stehen ein evangelischer und ein katholischer Polizeiseelsorger für Betroffene zur Verfügung. Des Öfteren sind diese auch Angehörige des Beratungs- und Betreuungsteams bzw. des Kriseninterventionsteams der Polizei. An sie können sich unabhängig von ihrem Bekenntnis oder ihrer Kirchenzugehörigkeit, alle Mitarbeiter der Polizei wenden, und zwar die in beruflichen oder privaten Fragen ein Gespräch zur Klärung, Orientierung oder Entlastung suchen.

Alle Gespräche mit den Polizeiseelsorgern unterliegen dem Seelsorgegeheimnis der Kirche und dem Zeugnisverweigerungsrecht im Strafverfahren gem. § 53 (1) 1 StPO, sofern sie mit ihnen in ihrer Eigenschaft als Seelsorger geführt worden sind. Außerdem haben sie den Vorteil, dass sie nicht wie die Polizeibehörde bzw. Polizeibeamte gem. § 163 (1) StPO zu strafverfolgenden Maßnahmen verpflichtet sind.

Des Weiteren gibt es in vielen Polizeien der Bundesländer Institutionen, deren Erreichbarkeit Sie in der Regel im polizeilichen Intranet finden:

  • Polizeiärztlicher Dienst
  • Polizeipsychologischer Dienst
  • Psychosoziale Notfallversorgung

Unser Tipp

Mit hohem Engagement verrichten die Kolleginnen und Kollegen der Polizei täglich Ihren Dienst und sorgen für die Sicherheit und Ordnung. Der Berufsalltag verlangt mitunter viel von uns. Dabei kann es passieren, dass extreme Stresssituationen innerhalb eines Einsatzgeschehens die Grenzen der physischen und psychischen Belastbarkeit aufzeigen. Manchmal machen sich solche Belastungen auch erst im Laufe der Zeit bemerkbar.

Die CPV empfiehlt: Handeln Sie professionell und holen Sie sich Unterstützung, wenn es nötig ist! Wir vermitteln gern einen kompetenten Berater.

Was ist Resilienz?

Die Belastungen im Polizeidienst nehmen zu. Auch im privaten Umfeld erleben wir große Herausforderungen. Wie gehen wir damit um? Ist unsere physische und psychische Verfassung dem gewachsen? Resilienz beschreibt die Fähigkeit, erfolgreich mit belastenden Lebensumständen umzugehen. Wir führen Seminare durch, die sich mit dem Thema beschäftigen und praktische Lebenshilfe vermitteln. Sprechen Sie uns gern an.


Der Text ist urheberrechtlich geschützt. © Erster Kriminalhauptkommissar Holger Clas, Christliche Polizeivereinigung e.V.