Pilgerweg der Polizei

Wegweiser

Es ist ein nebeliger Mittwochmorgen auf der Wartburg und nach dem anstrengenden Aufstieg zur Burg dürfen wir diesen Ort fast ganz für uns allein erleben. Noch bevor die Tagestouristen eingelassen werden, feiern wir in der romanischen Burgkapelle den Startgottesdienst. Die Strahlen der Morgensonne durchfluten den Raum, während wir aus dem Pilgerbüchlein singen. Ein schlichtes Holzkreuz lehnt am Altar. Es wurde vor Jahren durch einen Kollegen aus Haselnussstecken gebildet und wird uns auf unserem Weg vorangehen. Dann machen sich ein knappes Dutzend Kollegen auf den Weg nach Westen.

Die Berge, die wir von der Wartburg aus im Morgennebel noch in der Ferne liegen sahen, werden wir in den kommenden Tagen durchwandern und an so mancher Stelle auf die Wartburg zurückblicken können. Zunächst geht es von der Wartburg aus wieder hinunter in die Stadt Eisenach. Dort ist in der Annenkirche eine erste Station. Neugierige Blicke begegnen uns immer wieder. Eine Gruppe von zumeist Männern läuft mitten in der Woche mit einem Kreuz durch die Straßen. Einmal hat uns eine Muslima ganz erstaunt angesehen, denn sie hat wahrscheinlich noch nie vorher Deutsche bei der Ausübung ihrer Religion in der Öffentlichkeit sehen dürfen.

Besondere Begegnungen gehören mit zum "Pilgerweg der Polizei". Unter dieser Überschrift haben sich über viele Jahre Polizistinnen und Polizisten auf den Weg von der Wartburg bei Eisenach zur Elisabethkirche in Marburg gemacht. Sie folgen damit dem Elisabethweg, der die Strecke abbildet, die 1228 von Elisabeth von Thüringen genutzt worden ist, um zu ihrem Witwensitz nach Marburg zu gelangen. Dort verstarb die in Sarospatak/Ungarn geborene junge Frau, die vor allem für ihre tätige Nächstenliebe bekannt ist, im Alter von nur 24 Jahren. Über ihrem Grab wurde mit der Elisabethkirche die erste gotische Kirche Deutschlands errichtet. Der Lebensweg von Elisabeth begleitet die Teilnehmer immer wieder auf dem Pilgerweg.

Von Eisenach aus gehen wir in das thüringisch-hessische Grenzgebiet. Dort, wo vierzig Jahre lang unser Land geteilt war, sind wir nun gemeinsam unterwegs. Es sind Kollegen aus Ost und West in den Gruppen präsent und können sich über die unterschiedlichen, aber auch gemeinsamen Erfahrungen austauschen. Diese Strecke an der Werra ist aber nicht nur durch die furchtbare innerdeutsche Grenze geprägt. Hier haben noch in den letzten Kriegstagen viele junge Soldaten in schweren Kämpfen das Leben gelassen. Sie wollten hier den längst verlorenen Krieg gegen die übermächtige Panzerarmee von General Patton gewinnen.

Die Tage auf dem Pilgerweg sind durch Gebet, Lesungen, Singen und Stille strukturiert. Wie bei der Polizei nicht unüblich, geht es morgens in aller Frühe auf den Weg. Im Morgenimpuls hören wir auf die Herrnhuter Tageslosung und singen gemeinsam den Pilgerpsalm 121. Auch wer zu Beginn des Weges noch beteuerte, gar nicht singen zu können, stimmt im Laufe der Tage selbstverständlich in das Gotteslob mit ein. Das Kreuz wird dann von einem Teilnehmer vorweg getragen. Das geschieht immer freiwillig, und es gab auch einmal einen Teilnehmer, der in den ganzen Tagen nie das Kreuz genommen hat. Das war seine eigene Entscheidung und die wurde respektiert. Zumal die meisten Teilnehmer ziemlich schnell das „Geheimnis des Kreuzes“ gespürt haben. Die gekreuzten Haselstäbe sind ja nicht schwer, auch wenn die Teilnehmer im Laufe der Tage immer neuen Blumenschmuck daran befestigen. Das Kreuz macht tatsächlich das Laufen leichter. Diesen scheinbaren Widerspruch habe ich im Laufe der vergangenen Pilgerwege immer aufs Neue bei den Teilnehmern feststellen dürfen. Das Kreuz scheint neue Kraft zu geben. Wenn einem das Wandern auf den zum Teil 35 km langen Etappen schwer wird, dann nimmt man das Kreuz und geht mit neuer Kraft weiter. Diese eigentümliche Erfahrung führt zu einer ganz einmaligen Annäherung an die wahre Bedeutung des Kreuzes. Oder ist es genau umgekehrt?

Neben dem Morgenimpuls strukturieren Andachten den Tagesablauf. Es werden biblische Texte gelesen, es wird gesungen und gebetet. Dies geschieht häufig in den Kirchen auf dem Weg. Erfreulicherweise sind die Kirchen in den Orten des Pilgerwegs zumeist geöffnet und laden zum Verweilen ein. In Willershausen im Ringgau hatte ich dabei den plötzlichen Impuls, die Teilnehmer zu bitten, dass einer aus der aufgeschlagenen Altarbibel laut vorlesen möge. Einfach das lesen, war gerade "zufällig" aufgeschlagen ist. Eine junge Polizistin ging dann nach vorne und las laut vor. Es war ein Text, den ich nie ausgewählt hätte und ich muss sagen, dass ich ganz schön erschrocken war, als sie zu lesen anfing. Hätte ich einen Text bewusst ausgesucht, so hätte ich wahrscheinlich etwas Mutmachendes und Aufbauendes gewählt. Was diese Kollegin aber vorlas, war ein Text aus der Landnahmesituation des Volkes Israel. Ein alttestamentarischer Text voller Mord und Totschlag. Sie las und las und um mich herum flossen die Tränen. Gottes Wort ist lebendig und wirksam (Hebräerbrief 4,12).

Von Willerhausen an gehen wir sowieso immer eine längere Wegetappe im Schweigen und so passte es sehr gut, dass die Teilnehmer während der kommenden Kilometer ihren Gedanken nachgehen konnten. Diese langen Abschnitte des Schweigens sind fester Bestandteil des Pilgerweges. In diesen Zeiten habe ich immer wieder erlebt, dass Gott tiefe innerliche Wunden ins Bewusstsein und zur Heilung geführt hat. Manch ein Teilnehmer sucht nachher mit mir ein Vier–Augen–Gespräch und die Möglichkeit zum Gebet. Ähnlich wie bei der Kraft des Kreuzes erleben viele Polizisten eine persönliche Gottesbegegnung und merken, wie ihnen Frieden im Herzen geschenkt wird. Wenn wir dann in Marburg vom Richtberg aus die Elisabethkirche sehen und dort den Abschlussgottesdienst feiern, sind wir dankbar und wehmütig zugleich.

Polizeipfarrer Christoph Nordmeyer
Polizei- und Notfallseelsorge, Schmalkalden